ENDSPIEL
← Magazin 12. Mai 2026
Portrait · 10 min

Was wir an Wei Yi 2026 unterschätzt haben

Der chinesische Großmeister, einst als „nächster Carlsen" gehandelt, dann jahrelang im Schatten. 2026 ist sein bestes Jahr. Eine Neueinschätzung — und die Frage, ob wir ihn schon einmal zu früh abgeschrieben haben.

Es gibt Spieler, die kommen langsam. Es gibt Spieler, die kommen schnell. Und es gibt Wei Yi, der mit dreizehn Jahren in der Welt­spitze ankam, mit sechzehn die berühmteste Kombination seines Jahrzehnts spielte — und dann, zur Überraschung aller, einfach stehenblieb.

Sechs Jahre lang stehenblieb.

Wer 2018 prophezeit hätte, dass der junge Chinese 2024 noch immer im 2700er-Bereich pendeln würde, ohne ein einziges Super­turnier gewonnen zu haben, der wäre ausgelacht worden. Wei Yi galt als das Versprechen, das Carlsen nach Carlsen. Stattdessen verschwand er — nicht aus dem Schach, das nicht, aber aus der Spitze der Aufmerksamkeit. Während Praggnanandhaa und Gukesh und Erigaisi und Abdusattorov die Schlagzeilen unter sich aufteilten, spielte Wei Yi seine Partien, gewann Bundesliga­matches, verlor gegen Carlsen mit Schwarz, gewann gegen Caruana mit Weiß, blieb.

Jetzt, 2026, ist er zurück. Nicht still und stetig zurück — sondern laut.

Das ist die Geschichte, die ich erzählen will. Aber zuerst muss man verstehen, woher Wei Yi kommt.

Das Wunderkind aus Yancheng

Wei Yi, geboren am 2. Juni 1999 in Yancheng, Provinz Jiangsu, lernte mit sechs Jahren Schach von seinem Vater. Mit zehn war er chinesischer Jugendmeister, mit zwölf Internationaler Meister. Im April 2013, einen Monat vor seinem vierzehnten Geburtstag, wurde er Großmeister — damals der viertjüngste in der Geschichte und der jüngste Chinese aller Zeiten.

2013 spielte er in Wijk aan Zee — bei den Challengers, der zweiten Gruppe — und belegte den vierten Platz. Bei einem Open in Reykjavik 2014 schlug er Pentala Harikrishna, damals 2700er. Bei der Welt­meisterschaft im Schnellschach 2014 schlug er Carlsen. Carlsen sagte hinterher in einem Interview, dass das gegen einen Vierzehnjährigen gewesen sei und er sich nicht weiter darüber äußern wolle. Wei Yi war fünfzehn, aber Carlsen hatte trotzdem recht — Wei Yi sah jünger aus, als er war.

Im Januar 2015 erreichte er erstmals die Top 100 der Welt. Im Juli desselben Jahres die Top 50. Im Oktober 2015 die Top 30. Er war sechzehn.

„Wei Yis Unsterbliche”

Was in dieser Aufstiegs­geschichte den größten Eindruck hinterließ — und was Wei Yi bis heute, ob er will oder nicht, definiert — ist eine einzelne Partie. Juni 2015, Hainan, Open-Turnier der provinziellen Kategorie. Wei Yi mit Weiß gegen den kubanischen Großmeister Lazaro Bruzon. Dreizehn Züge Eröffnungs­theorie, dann ein gewaltiger Angriff am Königsflügel mit einem Damenopfer im 21. Zug:

21.Rxf7! Kxf7 22.Qxe6+ Kxe6 23.Ng5+ Kxe5 24.Nxe4+ ...

Die berühmte Folge endet mit 25.Nf3# — Matt durch einen Springer, der von der zweiten Reihe gestartet war und nach sechs Zügen das gegnerische Königsfeld einnahm. Die Partie wurde sofort „Wei Yis Unsterbliche” getauft, in Anspielung auf Anderssens berühmtes Spiel von 1851. Das ist die Art von Bezeichnung, die einem Spieler entweder ein Denkmal setzt — oder eine Hypothek.

Wer mit sechzehn seine Unsterbliche spielt, hat mit zwanzig den Rest seines Lebens vor sich.

In Wei Yis Fall, wie sich herausstellen sollte, war es die Hypothek.

Das Plateau: 2016 bis 2022

Was dann kam, war nicht Stillstand. Wei Yi spielte weiter, gewann weiter, war 2017 erstmals chinesischer Einzelmeister, qualifizierte sich für mehrere Welt­cups. Aber er machte den nächsten Sprung nicht. Während Caruana 2018 zur Welt­meisterschaft gegen Carlsen antrat, während Ding Liren 2023 Welt­meister wurde, während die nächste Generation indischer Spieler — Praggnanandhaa, Gukesh, Erigaisi — die 2700er-Marke pulverisierte, blieb Wei Yi bei einer Elo zwischen 2710 und 2735 hängen.

Die Erklärung, die ich am häufigsten höre — auch von Wei Yi selbst, in seinem (eher seltenen) Interview mit der chinesischen Sportzeitung im Sommer 2023 — geht ungefähr so: Sein Spiel sei zu schmal gewesen. Sehr scharf in den Angriffsstellungen, sehr stark in der Berechnung, aber positionell zu eindimensional. Gegen Spieler, die ihm die Angriffsmöglichkeit verweigerten — die geduldig spielten, Bauern­strukturen verschoben, das Spiel ins Endspiel überführten —, hatte er Schwierigkeiten. Magnus Carlsen ist genau so ein Spieler, und gegen Carlsen hatte Wei Yi in den Jahren 2017 bis 2022 ein Score von 1 Sieg, 11 Remis, 6 Niederlagen.

Ein anderer Punkt war das Trainings­umfeld. Wei Yi arbeitete jahrelang mit Yu Yangyi und Wang Yue, beide selbst chinesische Topspieler, aber beide ähnlichen Spielstils. Was Wei Yi fehlte, war ein Trainer, der die positionellen Lücken auffüllte — jemand wie Peter Heine Nielsen für Carlsen, oder Rustam Kasimdzhanov für Caruana. China hat lange Zeit ein hochtalentiertes, aber etwas insulär arbeitendes Schachsystem gepflegt.

Der Stilwandel ab Herbst 2024

Was sich verändert hat, ist genau dieser Punkt. Im Oktober 2024, kurz nach der Schach-Olympiade in Budapest — bei der China überraschend nur den vierten Platz belegte —, zog Wei Yi nach Schanghai um und begann mit einem neuen Trainingsteam zu arbeiten. Die Namen sind nicht offiziell bestätigt, aber in der chinesischen Schach­szene gilt es als offenes Geheimnis, dass Wang Hao — der frühere Welt­meisterschafts­kandidat von 2020 — eine zentrale Rolle spielt, und dass auch Boris Gelfand bei zwei Trainings­camps in Schanghai dabei war.

Was hat sich konkret verändert? Drei Dinge.

Erstens das Eröffnungsrepertoire. Wei Yi spielt mit Weiß seit Anfang 2025 deutlich häufiger ruhige Aufstellungen — Englisch, Réti, geschlossenes Sizilianisch. Mit Schwarz hat er die offene Spanische zugunsten der Berliner und der Petrosian-Variante des Damengambits umstrukturiert. Das sind keine zufälligen Änderungen. Das ist eine bewusste Verbreiterung des Stilspektrums.

Zweitens das Endspiel. Wer Wei Yis Partien aus 2025 und 2026 durchgeht, merkt schnell, dass sein technisches Endspiel sich auf einem anderen Niveau bewegt als vor vier Jahren. Bei den FIDE Grand Swiss 2025 in Riga gewann er drei Partien aus klar remisartigen Endspielen — das ist Carlsen-Statistik. Es ist nicht mehr der scharfe Wei Yi, der den gegnerischen König jagt. Es ist ein anderer Wei Yi.

Drittens — und das ist vielleicht das Wichtigste — die psychologische Verfassung. Wei Yi wirkt in Interviews seit Anfang 2025 ruhiger, weniger getrieben, weniger im Schatten der eigenen Vergangenheit. Auf die Frage des Magazins „New in Chess” im Januar 2026, ob er sich „endlich” wieder im Spitzenfeld sehe, antwortete er: „Ich habe mich nie aus dem Spitzenfeld verabschiedet. Ich habe nur sechs Jahre gebraucht, um wieder zu kommen.”

Die Bilanz 2026

Stand Mai 2026: Wei Yi liegt in der Live-Welt­rangliste auf Platz 5, mit einer Elo von 2789 — sein höchster Wert aller Zeiten. Er hat das Norway Chess Turnier in Stavanger im Mai gewonnen, einen halben Punkt vor Carlsen. Er hat die Schnellschach-Welt­meisterschaft in Astana im Dezember 2025 gewonnen. Er steht in der Quali­fikation für die nächsten Kandidaten 2027 auf einem aussichtsreichen vierten Platz.

Und das, was mir persönlich am bemerkenswertesten erscheint: Im April 2026 schlug er Carlsen in Stavanger in einer langen Partie mit Weiß, in einer Stellung, die nach 35 Zügen praktisch ausgeglichen war — und in der Wei Yi gewann, weil er Carlsen in einem Bauern­endspiel überspielte. Carlsen. Im Endspiel. Mit Schwarz, weil er sich nicht entscheiden konnte, ob er einen Bauern auf die siebte Reihe vorschicken soll oder den König zentralisieren. Das ist nicht der gleiche Spieler, der 2015 die Bauernopfer von Wei Yi nicht ernst nahm.

2026 ist Wei Yi nicht „endlich angekommen”. Er ist endlich derselbe geblieben, lange genug, dass es sich für die anderen lohnt, hinzusehen.

Was wir falsch gemacht haben

Die Frage, mit der ich diesen Text begonnen habe — was haben wir an Wei Yi unterschätzt? — hat, glaube ich, eine doppelte Antwort.

Wir haben unterschätzt, wie lange ein Spieler brauchen kann, um die zweite Stufe seiner Karriere zu erreichen. In der Logik moderner Schach­berichterstattung gibt es entweder die linear aufsteigende Karriere — Carlsen, Caruana — oder das gescheiterte Genie — Reshevsky, Bronstein. Was es selten gibt, ist die lange Pause vor dem zweiten Aufstieg. Wei Yi ist 2026 sechsundzwanzig Jahre alt. In Schach­jahren ist das nicht mehr jung. In Lebensjahren ist es das Anfang der zweiten Karriere­hälfte, und vielleicht die produktivste.

Wir haben außerdem unterschätzt, wie sehr das Schach von 2026 anders ist als das Schach von 2016. Vor zehn Jahren wäre Wei Yi mit seinem Aufstieg ein Solitär gewesen — heute steht er in einem Feld mit Praggnanandhaa, Gukesh, Erigaisi, Firouzja, Abdusattorov, in dem die Top 10 sich in jedem Turnier neu mischt. Was vor zehn Jahren als „Top 30” galt, ist heute „Anwärter auf die Welt­meisterschafts­kandidaten”. Wei Yis aktuelle Position ist nicht „ein Comeback” — es ist eine Verlagerung, die wir lange nicht erkannt haben.

Und vielleicht zum Schluss: Wir haben unterschätzt, dass ein Spieler, der mit sechzehn seine Unsterbliche gespielt hat, mit sechsundzwanzig vielleicht etwas Wichtigeres zu sagen hat — etwas Leiseres, etwas Technisches, etwas, das nicht in eine Highlight-Sequenz passt.

Wir haben Wei Yi 2015 für ein Wunder gehalten. 2026 sollten wir ihn für einen Großmeister halten. Das ist, alles in allem, der schönere Befund.


Ressort: Spielerportraits